Energiemarkt-Kommentar: Nahost-Krise ohne Ende in Sicht
Von ISPEX am 11. Aug. 2026
Die Terminmärkte für Strom und Gas stehen weiter im Zeichen der Hormus-Krise. Während die Gaspreise im Juli kräftig anziehen und anschließend einen Teil der Gewinne wieder abgeben, erreichen die Strom-Futures für 2027 und 2028 neue Allzeithochs. Dass die Strompreise stärker zulegen als der Gaspreise, obwohl die Versorgungsunsicherheit primär den Gasmarkt betrifft, erklärt sich durch den parallel gestiegenen CO2-Preis. Die Lage bleibt angespannt: Der Iran beharrt auf der Kontrolle über die Meerenge, die USA setzen auf wirtschaftlichen Druck.
Strom-Notierung Base 2027 mit neuem Rekord von rund 111 €/MWh
Stromkurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)
DE Base 2027 startet bei 92,41 €/MWh in den Juli und zieht in den folgenden Wochen kontinuierlich an. Nach dem Angriff auf einen katarischen LNG-Tanker am 7. Juli beschleunigt sich der Anstieg: Bis Mitte Juli klettert die Notierung auf über 104 €/MWh. Am 14. Juli durchbricht der Kontrakt erstmals die Marke von 100 €/MWh. In der dritten Juliwoche setzt sich die Aufwärtsbewegung fort, und am 24. Juli erreicht DE Base 2027 mit 111,40 €/MWh ein neues Allzeithoch. Entscheidend für den Rekord ist die Kombination aus gestiegenem Gaspreis und deutlich höherem CO2-Preis: Beim bisherigen Maximum von Mitte März notierte der EUA-Frontmonat bei rund 66 €/t, am 24. Juli bei über 82 €/t – ein Plus von fast 25 %.
Anschließend setzt eine Korrektur ein. Hoffnungen auf Verhandlungsfortschritte drücken die Notierung bis auf 99,50 €/MWh am 5. August. Zuletzt erholt sich DE Base 2027 jedoch wieder und schließt bei 106,19 €/MWh – gut 15 % über dem Stand von Anfang Juli. DE Base 2028 folgt dem Frontjahr und erreicht am 24. Juli mit 89,89 €/MWh ebenfalls ein neues Allzeithoch. Der Kontrakt schließt den Betrachtungszeitraum am 10. August bei 87,59 €/MWh – ein Plus von knapp 8 %.
Gas-Frontjahr seit Mitte Juli wieder oberhalb von 40 €/MWh
Gaskurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)
THE 2027 eröffnet den Juli bei 36,16 €/MWh. In der ersten Woche bewegt sich die Notierung zunächst seitwärts. Den Wendepunkt markiert ein Angriff auf einen beladenen LNG-Tanker ex Katar in der Nacht zum 7. Juli: Die europäischen Gaspreise springen um bis zu 4,5 % nach oben. In den folgenden Tagen zieht THE 2027 auf über 39 €/MWh an. Als die Internationale Seeschifffahrts-Organisation die Straße von Hormus am 15. Juli als zu gefährlich für Handelsschiffe einstuft, notiert der Kontrakt bereits bei 43,36 €/MWh. Katar verlängert die Force Majeure für LNG-Lieferungen bis Mitte Oktober und unterbricht den geplanten Produktionshochlauf in der weltgrößten LNG-Anlage Ras Laffan.
In der dritten Juliwoche verschärft sich die Lage weiter: Der Iran attackiert kuwaitische Stromproduktion und Wasserwerke, die USA bombardieren iranische Infrastruktur. Am 24. Juli markiert THE 2027 mit 47,35 €/MWh das Hoch des Betrachtungszeitraums – der höchste Stand seit Ende März und ein Plus von über 30 % gegenüber dem Monatsanfang. Anschließend setzt eine Korrektur ein, begleitet von Hoffnungen auf eine Rückkehr zu konstruktiven Verhandlungen zwischen USA und Iran. Anfang August einigen sich Iran und Oman auf eine temporäre Schifffahrtsroute durch omanische Gewässer. Bis zum 5. August fällt die Notierung auf 40,49 €/MWh zurück.
Zuletzt steigt THE 2027 auf rund 45 €/MWh – 24 % über dem Stand von Anfang Juli. THE 2028 bewegt sich verhaltener: Der Kontrakt steigt von 28,76 auf bis zu 32,62 €/MWh am 24. Juli und schließt bei 32,12 €/MWh – ein Plus von gut 11 %. Die Schwankungsbreite des Frontjahr-Futures von über 30 % verdeutlicht die Nervosität am Markt.
Hormus als „goldene Waffe“ – Iran setzt auf Kontrolle
Die Kämpfe am Golf sind wieder aufgeflammt. Die Bemühungen um eine Friedenslösung hatten nur kurze Halbwertszeit: Das Interimsabkommen vom Juni, das eine Wiedereröffnung der Meerenge vorsah, scheitert an unvereinbaren Interpretationen.
Teheran wähnt sich in einer Position der Stärke. Die Kontrolle über die Straße von Hormus ist für den Iran zur „goldenen Waffe“ geworden – wichtiger noch als das Atomprogramm, für das das Land jahrzehntelang Sanktionen in Kauf nahm. Iranische Unterhändler interpretieren das Interimsabkommen als Anerkennung ihrer Autorität über die Wasserstraße – eine Lesart, die Washington und die Golfstaaten zurückweisen. Solange diese Grundsatzfrage ungeklärt bleibt, haben Verhandlungen wenig Aussicht auf Erfolg.
Mitte Juli gerät erneut zivile Infrastruktur verstärkt ins Visier gegenseitiger Angriffe – der Iran attackiert am 17. Juli kuwaitische Entsalzungs- und Kraftwerksanlagen – bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius. Die USA bombardieren ihrerseits iranische Straßenbrücken und militärische Einrichtungen. Trump droht, notfalls auch Energieanlagen anzugreifen. Beide Seiten testen aus, wie weit sie gehen können, ohne eine unkontrollierbare Eskalation auszulösen.
Dennoch bleibt ein fragiles Gleichgewicht bestehen. Im Gegensatz zu den ersten Kriegswochen wird die weltgrößte LNG-Anlage Ras Laffan in Katar nicht zum Ziel von Raketenangriffen. Einzelne Tanker zu attackieren, hat nicht dieselbe Tragweite wie die Zerstörung von Produktionskapazitäten auf Jahre. Der absolute Worst Case – eine großflächige Vernichtung von Energieinfrastruktur – bleibt aus. Dies erklärt auch die Grenzen des militärischen Handelns beider Seiten: eine Art gegenseitige Abschreckung, die bislang hält.
Die jüngsten Signale aus Washington deuten zudem auf einen Strategiewechsel hin. Trump erklärt, die USA verhandelten nur „halbherzig“ mit Teheran. Man beobachte den Iran mit seiner „riesigen Inflation“ und der Tatsache, dass das Land „kein Geld“ habe. Das entscheidende Instrument ist dafür die US-Blockade iranischer Häfen, die den Export von Öl verhindert. Die Botschaft: Washington setzt darauf, dass der ökonomische Druck den Iran zum Einlenken zwingt – ohne eine große militärische Eskalation.
Ob dieses Kalkül aufgeht, ist offen. Der Iran hat am vergangenen Wochenende einen Hardliner an die Spitze des Nationalen Sicherheitsrats berufen – einen Befürworter der vollen iranischen Kontrolle über Hormus. Teheran veröffentlicht zudem eine Liste von Forderungen: Aufhebung der Seeblockade, Truppenabzug, Sanktionsaufhebung, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte und Entschädigung für Kriegsschäden. Einige dieser Forderungen kann Washington allein kaum erfüllen, etwa ein Ende der israelischen Operationen in Gaza.
Für die Terminmärkte bedeutet dies: Die Risikoprämie bleibt eingepreist, solange keine belastbare Einigung in Sicht ist. Die Gespräche zwischen Iran und Oman über eine temporäre Schifffahrtsroute durch omanische Gewässer haben zwar „grundlegende Übereinstimmungen“ erzielt, doch zentrale Fragen bleiben offen, etwa die Höhe möglicher Transitgebühren und, ob Iran auch den ausgehenden Verkehr kontrollieren soll. Eine vollständige Wiedereröffnung ist das nicht. Dass die Gasnotierung THE 2027 trotz der Krise bislang noch unter seinem historischen Hoch bleibt, zeigt: Der Markt preist den absoluten Worst Case nicht ein. Aber die Preise steigen und reflektieren zunehmend einen potenziell schwierigen Winter in Europa.
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